1. Einleitung
Im Sommer 1518 geschah im französischen Straßburg Unheimliches: Mehrere hundert Menschen begannen, wie von Sinnen und ohne Pause zu tanzen – ohne Grund, bis Ende August desselben Jahres. Der Rat der Stadt stand dem Phänomen hilflos gegenüber; nichts konnte die Menschen stoppen. Sogar Todesfälle sollen eingetreten sein. Der St. Veitstanz traf wohl um die 15 Menschen am Tag. Sie tanzten teilweise „dem Tode nah“ bis zur völligen Erschöpfung, mehrere Wochen lang.
War es kollektiver Horrortrip? Eine Massentrance? Besessenheit? Oder göttliche Bestrafung? Oder ist das Ganze nie passiert und diente der Kirche als Legende zur Abschreckung?
2. Was ist über den Fall bekannt?
Im Stadtarchiv Straßburg gibt es ein Manuskript, das die Tanzwut 1518 festgehalten hat – sie ist also kein Mythos. Die Akte berichtet von „Menschen, die den ganzen Sommer lang tanzten“. Todesfälle sind allerdings keine festgehalten. Demnach fing eine Frau am 15. Juli an, sechs Tage lang ununterbrochen zu tanzen. Sie soll hunderte Menschen „angesteckt“ haben.
Hintergrund: Mittelalterliche Tänze
Gesellschaftstänze im Mittelalter waren immer Reigentänze. Sie stellten einen extrem wichtigen sozialen Faktor dar und wurden von der Kirche deshalb durchaus als Bedrohung und Provokation empfunden.
3. Die Geschichte der Tanzwut
Bereits 1017 gab es in Kösigk, Sachsen, einen ähnlichen Fall: Damals feierten Bauern am Heiligen Abend nach der Messe auf dem Friedhof, der damals eine grabsteinlose Fläche war, auf der eben auch gerne getanzt wurde („Gottesacker“). Der Priester der Gemeinde fühlte sich provoziert und verfluchte die Menge dazu, nun ein Jahr lang ohne Unterlass tanzen und singen zu müssen. Ein Jahr lang aßen, tranken und schliefen die Betroffenen nicht. Als Legende verbreitete sich diese Erzählung in ganz Europa und wurde von den Kirchen als mahnendes Beispiel aufgeführt.
1237, Maastricht: Hunderte Menschen bringen durch Stampfen und Sprünge eine Brücke zum Einsturz.
1374: Horden entfesselter Tänzer ziehen durch Dörfer und Städte entlang des Rheins.
Und dann, 1518, Straßburg. Insgesamt gibt es mehr als 80 derartige Ausbrüche. In Straßburg wird der heilige Veit besonders verehrt. Dieser Heilige heilt Epilepsie und Tollwut, bestraft Ungläubige jedoch mit… Tanzwut. Die Stadt ist damals in einer prekären Lage; in einigen Vierteln ist die Pest wieder ausgebrochen.
4. Theorien
Sebastian Brandt, einer der berühmtesten Denker seiner Zeit, glaubt an ein medizinisches Problem: Fieber, eine natürliche Krankheit also.
10 Jahre später befragt der berühmte Mediziner Paracelsus Augenzeugen. Er bezeichnet die Tanzwut als „Choreomanie“ und erfindet für die Frau, mit der angeblich alles begann, einen Namen: Frau Troffea. Die Geschichte dazu lautet, dass diese Frau ihren Mann ärgern wollte, der tanzen verabscheute.
Paracelsus war der Ansicht, dass eingebildete Krankheiten zu echten werden konnten – und damit für andere Menschen ansteckend waren, eine Art interstellarer mikrokosmischer Einfluss zwischen Körpern.
20 Jahre nach dem Vorfall schrieb Daniel Specklin als erster, dass die Tanzwut Todesopfer gefordert hätte.
J.F.C. Hecker, ein deutscher Medizinhistoriker, beschäftigte sich mit Epidemien im Mittelalter und schrieb ein Buch: Die Tanzwut. Eine Volkskrankheit im Mittelalter. Damalige Augenzeugen berichteten, dass einzig der Austausch von Blicken zur „Kontamination“ gereicht hätte. Hecker diagnostizierte folgerichtig eine kollektive Psychose, die vor allem unsichere und leichtgläubige Menschen treffen konnte – nach damaliger Auffassung also Bedürftige und Frauen. Hecker entdeckte Ähnlichkeiten mit dem „Tarantella“, einem ursprünglich süditalienischen schnellen Tanz, der seinen Ursprung bereits vor 500 Jahren hatte. Die Verwandtschaft zur Spinne Tarantula ist nicht zufällig. Von Spinnenbissen betroffene Menschen sollten das Gift „aus dem Körper schwitzen durch Tanzen“. Der Tarantella wurde erst nach der Tanzwut von Straßburg erstmals schriftlich erwähnt. Dass mehrere hundert Menschen durch eine Wolfsspinne gebissen werden, erscheint zudem etwas unwahrscheinlich.
Jean-Marie Charkot, ein Pionier der Neurologie, erforschte u.a. die Hysterie und hielt das Ganze für ein hysterisch-epileptisches Symptom. Mit den Symptomen einer Epilepsie hatten aber die beschriebenen Vorfälle nichts gemeinsam.
In den 1950er Jahren tauchten neue Theorien auf: Substanzen.
In Pont-St.-Esprit (Normandie) verfallen 1951 Dutzende Einwohner in einen unerklärlichen Wahnzustand, der von Halluzinationen und unkontrollierten Zuckungen begleitet wird. Einige sterben sogar. Das sog. Antoniusfeuer gab es tatsächlich auch schon im Mittelalter: Gemeint ist damit das Mutterkorn, ein Pilz, der parasitär auf Roggen und anderen Getreidearten wächst und alkaloide Substanzen enthält. Diese sorgen für Krämpfe, optische und akustische Halluzinationen und unkoordinierte Bewegungen. Im Mittelalter führte das Mutterkorn zu schlimmen Vergiftungen (Ergotismus).
1952 wurde nun eine vermeintliche Verbindung hergestellt zwischen der Choreomanie und Ergotismus. Allerdings haben auch diese Symptome mit denen, die 1518 in Straßburg beschrieben wurde, nichts zu tun.
Nächste mögliche Theorie: Trance. Neurowissenschaftlich ist längst erwiesen, dass es diesen dennoch außergewöhnlichen Zustand gibt. Ungeahnte Kräfte werden freigelegt, Halluzinationen treten auf, der Körper vollführt automatische Bewegungen. Eine kollektive Trance also? Die 1. Rave-Party der Geschichte?
Die Kirche sah das Ganze pragmatischer: Besessenheit.
Der Magistrat der Stadt Straßburg ist bis zum Schluss hilflos. Zuerst erlaubt er den Einsatz von Musik, spielt mit der Möglichkeit, dass die Tanzenden irgendwann erschöpft aufgeben. Als dies nicht eintrifft, verbietet er die Musik und den öffentlichen Tanz.
Der National Geographic (2025) berichtet, dass man mit den Betroffenen schließlich nach Saverne gepilgert sei. Nach einer Messe in speziellen Schuhen waren die Menschen geheilt – dies schrieb Daniel Specklin, der ja aber auch als einziger von Todesopfern berichtet hatte.
5. Quellen
Youtube.com (2026): Die Tanzwut von Straßburg 1518. Online verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=8Amxahv0Y5s. Zuletzt geprüft am 23.03.2026.
Germerott, Lisa (2025): Tanzen bis zu Tod: Die Straßburger Tanzwut von 1518. Online verfügbar unter: https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2025/03/tanzen-bis-zum-tod-die-strassburger-tanzwut-von-1518/. Zuletzt geprüft am 23.03.2026.
Wikipedia (2026): Tanzwut. Online verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Tanzwut. Zuletzt geprüft am 23.03.2026.
Wikipedia (2026): Tarantella. Online verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Tarantella. Zuletzt geprüft am 23.03.2026.
Wikipedia (2025): Straßburger Tanzwut. Online verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Stra%C3%9Fburger_Tanzwut. Zuletzt geprüft am 23.03.2026.
Dieser Beitrag wurde am 23.03.2026 zuletzt bearbeitet.