Spiritismus (nicht zu verwechseln mit Spiritualismus, die philosophische Lehre der Geistigkeit an sich) kann als Teil des modernen Okkultismus verstanden werden. Er entstand im 19. Jahrhundert in den USA und verbreitete sich auch rasch in Europa und hatte eine große Bedeutung für die Entstehung der modernen Esoterik im 20. Jahrhundert. Die Entwicklung in Deutschland unterschied sich allerdings von der US-amerikanischen Tradition. In Deutschland setzte in den Jahren 1853/1854 durch die Technik des Tischrückens eine große spiritistische Welle ein. Im Zuge der Industrialisierung, Säkularisierung und den neuen Medien (z.B. Fotografie, Telegrafie) versucht er die religiösen Fragen mit scheinbar wissenschaftlichen Methoden zu verbinden. Dabei spielen häufig sogenannte Séancen, teilweise experimenteller Natur, eine große Rolle. Dabei ist das Ziel solcher Sitzungen immer die praktische Kontaktaufnahme mit dem Jenseits und den sich darin befindlichen Geistern. Im 19. Jahrhundert galt der Spiritismus keineswegs als irrational, sondern wurde von vielen als alternative Wissenschaftsform, mit Schnittmengen in religiösen Reformbewegungen und politischem Liberalismus, angesehen. Auch heute noch (2026) ist auf der Homepage der Deutschen Spiritistischen Vereinigung zu lesen: „Spiritismus ist gleichzeitig Wissenschaft, Philosophie und Religion“.
Grundidee des Spiritismus ist die Gliederung des Menschen in den physischen Körper (dem Astralleib) und dem Geist. Dieser bewohnt den Körper, um zu lernen und Erfahrungen zu sammeln und sich so weiterentwickeln und im Jenseits voranschreiten zu können. In der Religion ist dies ein zentraler Gedanke der Erlösungshoffnung. Dabei ist damals wie heute die Unterscheidung zwischen der materiell-sichtbaren (physischen) und der unsichtbar-geistigen Welt essenziell, wobei letztere von den Seelen bzw. Geistern von Verstorbenen bewohnt sein soll.
Heute gilt der spiritistische Erklärungsansatz als Gegenspieler zum animistischen Erklärungsansatz und dient seit Beginn dieses Jahrtausends von vielen Ghosthunting-Teams als Ansatz für paranormale Untersuchungen. Auch hier wird mit – teilweise experimenteller und mehr oder weniger geeigneter – Technik versucht, einen Nachweis für das Fortbestehen der Seele nach dem Tod zu erbringen; oft an angeblichen Spukorten. Auch für Jugendliche hat die Erforschung der spiritistischen Welt z.B. aus Neugier oder der Suche nach einem „Kick“ nach wie vor eine große Anziehungskraft.
Heute lässt sich Spiritismus nach Ansicht der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (2026) in drei Formen einteilen:
- Vulgärspiritismus: nimmt an, dass es möglich ist, durch verschiedene okkulte Praktiken eine Manifestation eines Geistwesen hervorrufen zu können.
- Experimenteller Spiritismus: geht der gezielten und wissenschaftlichen Erforschung einzelner Phänomene nach.
- Offenbarungsspiritismus: höhere Wesenheiten wie Gottheiten oder Engel spielen eine zentrale Rolle und wollen den christlichen Glauben und den Spiritismus zu einem „Geistchristentum“ verbinden.
Quellen
Deutsche Spiritismus Vereinigung (2026): Spiritismus. Online verfügbar unter: https://www.spiritismus-dsv.de/was-ist-spiritismus/. Zuletzt geprüft am 26.01.2026.
Nowara, Sonja; Meyer, Gerhard (2024): Deutsches Ghosthunting. Historischer Überblick und Einblicke einer Insiderin. In: Zeitschrift für Anomalistik. 21, 1. Freiburg im Breisgau: o.V.
Emmerich, Martin (2021): Spiritismus in Deutschland. Andrew Jackson Davis zwischen Republikanismus, freier Religion und Wissenschaft im langen 19. Jahrhundert. Online verfügbar unter: https://www.opendata.uni-halle.de/bitstream/1981185920/98422/1/Dissertation_MLU_2022EmmrichMartin.pdf. Zuletzt geprüft am 26.01.2026.
Pöhlmann, Matthias (2011): Spiritismus. Online verfügbar unter: https://www.ezw-berlin.de/publikationen/lexikon/spiritismus/. Zuletzt geprüft am 26.01.2026.
Zander, Helmut (2003): Spiritismus in Deutschland. In: Aries. Journal for the Study of Western Esotericism. S. 82 – 93. Vol. 3, Heft 1. Leiden: Brill. Online verfügbar unter: https://www.unifr.ch/screl/de/assets/public/Zander%20Spiritismus%20(Aries).pdf. Zuletzt geprüft am 26.01.2026.
Linse, Ulrich (2000): Spiritismus. In: Auffarath, Christoph; Bernard, Jutta; Mohr, Hubert (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Band 3. Paganismus – Zombie. Stuttgart: J.B. Metzler.
Dieser Beitrag wurde am 28.01.2026 zuletzt bearbeitet.